Du kannst die beste Strategie der Welt haben. Wenn du deine Positionsgrößen falsch berechnest, wirst du trotzdem Geld verlieren. Position Sizing ist der Unterschied zwischen einem Trader, der langfristig überlebt, und einem, der nach drei Monaten sein Konto gesprengt hat.
Trotzdem wird dieses Thema von den meisten Tradern sträflich vernachlässigt. In diesem Artikel zeige ich dir die konkrete Formel für Position Sizing im Futures Trading, rechne Beispiele für ES, NQ und Micro-Kontrakte durch und erkläre dir die häufigsten Fehler, die Trader bei der Positionsgrößen-Berechnung machen.
Warum Position Sizing entscheidend ist
Stell dir zwei Trader vor. Beide handeln die gleiche Strategie mit einer Trefferquote von 55%. Trader A riskiert pro Trade 5% seines Kontos. Trader B riskiert 1%. Nach einer Verluststrecke von 8 Trades in Folge (das kommt vor, auch bei strukturierten Strategien) hat Trader A 34% seines Kontos verloren. Trader B hat 8% verloren.
Trader A braucht jetzt einen Gewinn von 51%, nur um wieder auf null zu kommen. Trader B braucht 8,7%. Wer wird sich schneller erholen? Wer wird emotional stabiler bleiben?
Position Sizing schützt dich vor dem Ruin. Es sorgt dafür, dass einzelne Verlust-Trades deinen Account nicht zerstören und dass du nach einer Drawdown-Phase noch genug Kapital hast, um weiterzutraden.
Die Grundregel: Riskiere nie mehr als 1-2% deines Kontostands pro Trade. Das klingt langweilig. Aber genau diese Langeweile hält dich im Spiel.
Die Formel: Kontraktanzahl berechnen
Für Futures Trading ist die Berechnung der Positionsgröße straightforward. Du brauchst drei Werte:
- Risikobetrag in Dollar = Kontostand x Risiko-Prozentsatz
- Risiko pro Kontrakt in Dollar = Stop-Distance in Ticks x Tick-Wert
- Kontraktanzahl = Risikobetrag / Risiko pro Kontrakt
Die Formel lautet:
Kontraktanzahl = (Kontostand x Risiko%) / (Stop-Distance in Ticks x Tick-Wert)
Immer abrunden. Wenn die Formel 2,7 Kontrakte ergibt, handelst du 2. Niemals aufrunden.
Tick-Werte der wichtigsten Futures
Bevor du rechnen kannst, musst du die Tick-Werte kennen. Hier die wichtigsten:
| Kontrakt | Tick-Größe | Tick-Wert | Punkt-Wert |
|---|---|---|---|
| ES (E-mini S&P 500) | 0.25 Punkte | $12.50 | $50.00 |
| NQ (E-mini Nasdaq) | 0.25 Punkte | $5.00 | $20.00 |
| MES (Micro E-mini S&P) | 0.25 Punkte | $1.25 | $5.00 |
| MNQ (Micro E-mini Nasdaq) | 0.25 Punkte | $0.50 | $2.00 |
| YM (E-mini Dow) | 1.00 Punkte | $5.00 | $5.00 |
| RTY (E-mini Russell) | 0.10 Punkte | $5.00 | $50.00 |
Den Tick-Wert findest du immer in den Kontraktspezifikationen deines Brokers oder auf der CME-Website.
Beispielrechnungen
Lass uns das an konkreten Beispielen durchrechnen.
Beispiel 1: NQ mit $50.000 Konto
- Kontostand: $50.000
- Risiko pro Trade: 1% = $500
- Stop-Loss: 20 Punkte = 80 Ticks (NQ: 1 Punkt = 4 Ticks)
- Tick-Wert NQ: $5.00
- Risiko pro Kontrakt: 80 Ticks x $5.00 = $400
- Kontraktanzahl: $500 / $400 = 1,25 = 1 Kontrakt
Beispiel 2: ES mit $100.000 Konto
- Kontostand: $100.000
- Risiko pro Trade: 1% = $1.000
- Stop-Loss: 10 Punkte = 40 Ticks
- Tick-Wert ES: $12.50
- Risiko pro Kontrakt: 40 Ticks x $12.50 = $500
- Kontraktanzahl: $1.000 / $500 = 2 Kontrakte
Beispiel 3: MNQ mit $10.000 Konto
- Kontostand: $10.000
- Risiko pro Trade: 1% = $100
- Stop-Loss: 25 Punkte = 100 Ticks
- Tick-Wert MNQ: $0.50
- Risiko pro Kontrakt: 100 Ticks x $0.50 = $50
- Kontraktanzahl: $100 / $50 = 2 Micro-Kontrakte
Siehst du das Muster? Mit einem kleineren Konto brauchst du entweder engere Stops oder Micro-Kontrakte, um dein Risiko bei 1% zu halten. Es gibt keinen Trick, der das umgeht.
Fixed Percentage vs. Fixed Dollar
Es gibt zwei gängige Methoden für Position Sizing. Beide haben ihre Berechtigung.
Fixed Percentage (prozentual):
- Du riskierst immer X% deines aktuellen Kontostands
- Vorteil: Deine Positionsgröße wächst mit deinem Konto und schrumpft bei Verlusten
- Nachteil: Bei kleinen Konten kann 1% so wenig sein, dass du nicht einmal 1 Micro-Kontrakt handeln kannst
- Empfohlen für: Die meisten Trader
Fixed Dollar (absolut):
- Du riskierst immer einen festen Betrag (z.B. $200 pro Trade)
- Vorteil: Einfach zu berechnen, keine tägliche Anpassung
- Nachteil: Dein prozentuales Risiko steigt bei Verlusten (gleicher Dollar-Betrag, kleineres Konto)
- Empfohlen für: Trader mit stabilem Konto, die die Einfachheit bevorzugen
Meine Empfehlung: Nutze Fixed Percentage. Berechne deine Positionsgröße jeden Montag neu basierend auf deinem aktuellen Kontostand. So passt sich dein Risiko automatisch an.
Volatilitätsanpassung
Nicht jeder Handelstag ist gleich. An einem ruhigen Tag bewegt sich der NQ vielleicht 100 Punkte. An einem FOMC-Tag können es 400 Punkte sein. Dein Position Sizing sollte das berücksichtigen.
ATR-basierte Anpassung:
Der ATR (Average True Range) misst die durchschnittliche Tagesvolatilität. Wenn der ATR steigt, ist der Markt volatiler und dein Stop-Loss sollte weiter sein. Das bedeutet automatisch weniger Kontrakte bei gleichem Risiko.
In der Praxis: Wenn der 14-Tage-ATR im NQ bei 250 Punkten liegt und plötzlich auf 400 steigt, reduzierst du deine Positionsgröße. Nicht weil du Angst hast, sondern weil dein Stop-Loss weiter sein muss, um nicht durch normales Rauschen ausgestoppt zu werden.
Faustregel:
- Niedrige Volatilität (ATR unter Durchschnitt): Normale Positionsgröße
- Hohe Volatilität (ATR 50%+ über Durchschnitt): Positionsgröße um 30-50% reduzieren
- Extreme Volatilität (Nachrichtentage, Crashs): Positionsgröße auf Minimum oder gar nicht handeln
Position Sizing bei Konten mit festem Verlustlimit
Wenn du ein Konto mit vorgegebenen Verlustgrenzen handelst, etwa ein Evaluierungs- oder Fremdkapitalkonto, gelten zusätzliche Regeln. Solche Konten haben strikte Drawdown-Limits, die dein Position Sizing direkt beeinflussen.
Typische Drawdown-Regeln:
- Maximaler täglicher Drawdown: $1.000-$2.500 (je nach Kontogröße)
- Maximaler Gesamt-Drawdown: $2.500-$5.000
- Trailing Drawdown: Bewegt sich mit deinem Höchststand mit
Bei einem täglichen Drawdown-Limit von $1.500 und maximal 3 Trades pro Tag darfst du pro Trade höchstens $500 riskieren (nicht $1.500, denn du willst einen Puffer). Das begrenzt deine Kontraktanzahl deutlich.
Rechenbeispiel: Konto mit Tagesverlust-Limit
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Tägliches Drawdown-Limit | $1.500 |
| Geplante Trades pro Tag | 3 |
| Risiko pro Trade | $500 |
| Stop-Loss NQ | 20 Punkte (80 Ticks) |
| Risiko pro NQ-Kontrakt | 80 x $5.00 = $400 |
| Max. Kontrakte | $500 / $400 = 1 NQ |
Bei einem Konto mit festem Verlustlimit ist konservatives Position Sizing noch wichtiger als im eigenen Account. Ist das Limit einmal gerissen, ist das Konto weg, samt der bereits gezahlten Gebühr und der Arbeit, die darin steckt.
Häufige Fehler beim Position Sizing
Diese Fehler sehe ich immer wieder. Und jeder einzelne kann dein Konto kosten:
1. Kein festes Risiko pro Trade. „Ich nehme halt 2 Kontrakte“ ohne Berechnung. Das ist kein Position Sizing, das ist Raten. Jeder Trade muss berechnet werden.
2. Risiko aufrunden. Die Formel sagt 1,8 Kontrakte, der Trader nimmt 2. Über hunderte Trades summiert sich das Überrisiko erheblich.
3. Verluste ignorieren. Nach drei Verlusttagen weiter mit der gleichen Kontraktanzahl handeln, obwohl das Konto geschrumpft ist. Dein Risiko-Prozentsatz steigt dann unbemerkt.
4. Zu großes Konto-Risiko. 5% pro Trade klingt nicht viel. Aber 5 Verluste in Folge sind 25% Drawdown. Das passiert. Bei 1% Risiko sind es 5% Drawdown. Das ist verkraftbar.
5. Stop-Loss nachträglich vergrößern. Du berechnest dein Risiko mit einem 15-Punkte-Stop, aber im Trade ziehst du den Stop auf 30 Punkte. Damit hast du dein Risiko verdoppelt, ohne die Kontraktanzahl anzupassen.
6. Korrelierte Positionen ignorieren. Wenn du gleichzeitig im NQ und ES long bist, hast du nicht 1% Risiko. Du hast effektiv 2% (oder mehr), weil beide Märkte stark korreliert sind.
Position Sizing Checkliste für jeden Trade
Nutze diese Checkliste, bevor du einen Trade eingehst:
- Wie hoch ist mein aktueller Kontostand?
- Was ist mein maximales Risiko pro Trade (1% oder 2%)?
- Wo liegt mein Stop-Loss in Ticks?
- Wie hoch ist der Tick-Wert des Kontrakts?
- Wie viele Kontrakte ergeben sich aus der Formel?
- Habe ich abgerundet?
- Habe ich andere offene Positionen, die das Gesamtrisiko erhöhen?
- Ist die Volatilität heute normal oder erhöht?
Wenn du auf alle Fragen eine klare Antwort hast, bist du bereit für den Trade. Wenn nicht, rechne nochmal.
Fazit: Position Sizing ist dein wichtigstes Werkzeug
Position Sizing ist nicht sexy. Es wird nie auf der Titelseite eines Trading-Magazins stehen. Aber es ist der Grund, warum manche Trader nach 12-18 Monaten profitabel werden und andere ihr drittes Konto aufgelöst haben.
Die Formel ist einfach. Die Disziplin, sie konsequent anzuwenden, ist es nicht. Aber genau daran erkennst du professionelle Trader: Sie berechnen ihre Positionsgröße vor jedem einzelnen Trade. Ohne Ausnahme.
Wenn du lernen willst, wie du Position Sizing in ein komplettes Trading-System integrierst (mit Risikomanagement, Journaling und klaren Regeln), schau dir die TPTE Academy an. Und wenn du Fragen zu deiner konkreten Situation hast, buche ein kostenloses Erstgespräch. Wir rechnen das gemeinsam durch.